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KMU-Praxis Konsolidierung Teil 01 / 05 · IT-Kosten-Reihe

SaaS-Wildwuchs stoppen: So konsolidieren KMU ihr Tool-Portfolio — und sparen dabei CHF 15'000 bis 20'000 pro Jahr.

Für IT-Leiter:innen, CTOs und IT-Verantwortliche in Schweizer KMU. Ein strukturierter 2-Tage-Audit, Branchen-Benchmarks und die drei grössten Hebel — ohne Tool-Verlust.

9+ Tools 3 Tools · –40%
TL;DR
Schweizer KMU mit 50 Mitarbeitenden zahlen typischerweise CHF 40'000–70'000 pro Jahr für SaaS-Tools — und könnten davon 30–40 % einsparen, ohne auf eine einzige wirklich benötigte Funktion zu verzichten. Die häufigsten Ursachen: doppelte Tools, Lizenzen von ausgetretenen Mitarbeitenden und automatische Vertragsverlängerungen, die niemand aktiv stoppt. Ein strukturierter 2-Tage-Audit schafft vollständige Transparenz. Die drei grössten Hebel: Kommunikations-Stack auf M365 konsolidieren, Lizenz-Tier prüfen und Offboarding-Prozess einführen. Wer danach ein zentrales SaaS-Register führt, verhindert, dass der Wildwuchs in zwei Jahren wieder auf demselben Niveau ist.

Kennen Sie das? Irgendwann in den letzten Jahren hat die Marketing-Abteilung Mailchimp eingeführt. Die Geschäftsleitung nutzt Zoom, das Entwicklerteam schwört auf Slack, und die Projektleiterin hat Asana abonniert — auf ihrer persönlichen Kreditkarte, weil es «nur CHF 12 pro Monat» kostet. Der Vertrieb arbeitet mit HubSpot, obwohl Salesforce eigentlich schon im Einsatz ist. Und irgendwo läuft noch ein Dropbox-Abo aus dem Jahr 2019.

Willkommen im SaaS-Dschungel. In Schweizer KMU mit 30 bis 100 Mitarbeitenden ist er die Norm — nicht die Ausnahme.

Das Problem: Niemand hat das absichtlich so gebaut. Es ist einfach gewachsen. Und genau deshalb ist es so schwer zu bekämpfen.

Was SaaS-Wildwuchs wirklich kostet

Wer zum ersten Mal alle SaaS-Ausgaben seines Unternehmens zusammenstellt, erlebt fast immer eine Überraschung. Nicht eine angenehme.

Die Zahlen für ein typisches Schweizer KMU mit 50 Mitarbeitenden sprechen für sich: Zwischen CHF 40'000 und CHF 70'000 fliessen pro Jahr in Software-Abonnemente — viele davon für Tools, die sich funktional überlappen, kaum genutzt werden oder schlicht vergessen wurden. Erfahrungswert aus der Praxis: 30 bis 40 Prozent dieser Ausgaben lassen sich konsolidieren, ohne dass auch nur eine Person in ihrer Arbeit eingeschränkt wird.

CHF 40–70k
SaaS-Ausgaben pro Jahr in einem 50-Personen-KMU.
30–40 %
davon sind konsolidierbar — ohne Funktionsverlust.
CHF 15–20k
realistische Einsparung pro Jahr. Wiederkehrend.

Hinzu kommt der versteckte Kostenfaktor: Jedes zusätzliche Tool bedeutet Schulungsaufwand, Datenschutzrisiken, Integrationsarbeit und kognitive Last für die Mitarbeitenden. Wer in fünf verschiedene Apps wechseln muss, um einen Kundenprozess zu erledigen, verliert nicht nur Zeit — er macht auch mehr Fehler.

Warum es so weit kommt: Die vier Ursachen von SaaS-Wildwuchs

1. Shadow IT durch Fachabteilungen

Wenn die offizielle IT-Lösung zu langsam, zu komplex oder einfach nicht vorhanden ist, kaufen Mitarbeitende und Abteilungsleiter selbst ein. Kreditkarte, kurze Registrierung, sofort einsatzbereit. Die IT erfährt es — wenn überhaupt — Monate später.

2. Fehlende Offboarding-Prozesse

Verlässt ein Mitarbeitender das Unternehmen, werden seine Tools selten gleichzeitig gekündigt. Der Account läuft weiter, der Jahresbeitrag wird automatisch verlängert. In manchen KMU zahlen bis zu 15 Prozent der Lizenzen für Personen, die längst nicht mehr im Unternehmen arbeiten.

3. Automatische Vertragsverlängerungen

SaaS-Anbieter leben von diesem Mechanismus. Wer nicht aktiv kündigt, verlängert. Und in einem KMU ohne dediziertes IT-Budget-Controlling kündigt selten jemand aktiv.

4. Tool-Proliferation bei Wachstum

Wächst ein Unternehmen schnell, kaufen neue Teams ihre bewährten Tools mit — ohne zu prüfen, ob das Bestehende nicht bereits ausreicht. Ergebnis: Drei Projektmanagement-Tools, zwei Videokonferenz-Lösungen, vier verschiedene File-Sharing-Dienste.

Der 2-Tage-Audit: Schritt für Schritt

Das Gute: Ein SaaS-Audit ist keine monatelange IT-Grossübung. Mit dem richtigen Vorgehen brauchen Sie in einem KMU mit 50 Mitarbeitenden zwei Tage — und haben danach ein vollständiges Bild.

Tag 1: Inventar erstellen · ca. 4–5 Stunden

Schritt 1 — Zahlungsströme auswerten

Exportieren Sie alle Kreditkarten- und Bankauszüge der letzten 12 Monate und filtern Sie nach wiederkehrenden Zahlungen. Ergänzen Sie die Liste mit dem Buchhaltungs-Export aus Ihrer Finanzsoftware (Abacus, Bexio, Sage etc.). Suchen Sie explizit nach monatlichen Abbuchungen zwischen CHF 10 und CHF 2'000 — das ist der typische SaaS-Bereich.

Schritt 2 — Abteilungsleiter befragen

Schicken Sie eine einfache Umfrage (ein Google Form oder MS Form reicht): «Welche Software-Tools nutzt du oder dein Team? Welche zahlt ihr selbst?» Die Antworten ergänzen die Zahlungsdaten um die Shadow-IT-Dimension.

Schritt 3 — Identity-Provider auswerten

Falls Sie Azure AD, Google Workspace oder Okta im Einsatz haben: Dort sehen Sie, welche Drittanwendungen überhaupt mit Ihrem Verzeichnis verknüpft sind. Diese Liste ist oft aufschlussreicher als die Kreditkartenauszüge.

Ergebnis Tag 1

Eine vollständige Liste aller Tools — mit Kosten, Ansprechperson und ungefährer Nutzerzahl.

Tag 2: Analyse und Priorisierung · ca. 4–5 Stunden

Schritt 4 — Nutzung überprüfen

Für jedes Tool auf der Liste: Wie viele Personen haben sich in den letzten 30 Tagen eingeloggt? Die meisten Plattformen zeigen diese Zahl im Admin-Bereich. Ein Tool, das von weniger als 20 Prozent der Lizenzierten aktiv genutzt wird, ist ein Kandidat für Kündigung oder Downgrade.

Schritt 5 — Überlappungen identifizieren

Sortieren Sie die Tools nach Funktion: Kommunikation, Projektmanagement, Dateiablage, Videokonferenz, CRM, Marketing, HR, Finanzen. Wo tauchen mehr als zwei Tools in derselben Kategorie auf? Das sind Ihre Konsolidierungs-Kandidaten.

Schritt 6 — Massnahmen definieren

Jedes Tool bekommt eines von vier Labels:

Wo das grösste Einsparpotenzial liegt

In der Praxis zeigen sich immer wieder dieselben Kategorien als besonders ergiebig:

Kommunikation und Zusammenarbeit

Das ist regelmässig der grösste Brocken. Wer Microsoft 365 bereits bezahlt, hat Teams, SharePoint, OneDrive, Planner und Forms inklusive. Trotzdem laufen daneben oft noch Slack, Dropbox, Zoom und Doodle als separate Abonnemente. Allein die Konsolidierung auf M365 spart bei 50 Mitarbeitenden schnell CHF 5'000 bis 7'000 pro Jahr.

Projektmanagement

Trello, Asana, Monday, Jira — viele KMU nutzen zwei oder drei dieser Tools gleichzeitig, weil verschiedene Teams unterschiedliche Präferenzen haben. Eine klare Entscheidung für ein Tool (oder für Microsoft Planner im M365-Paket) reduziert Kosten und schafft endlich Transparenz über alle Projekte hinweg.

Lizenz-Tier zu hoch

Viele KMU zahlen für Enterprise- oder Business-Pläne, obwohl die genutzten Funktionen vollständig im günstigeren Standard-Plan enthalten wären. Ein Downgrade ohne Funktionsverlust ist eine der einfachsten Massnahmen — und wird erstaunlich selten durchgeführt.

Ausgetretene Mitarbeitende

Führen Sie die Liste Ihrer aktiven Lizenzen gegen Ihre aktuelle Mitarbeitendenliste. Bei einem KMU ohne strukturierten Offboarding-Prozess sind erfahrungsgemäss 10 bis 15 Prozent der Lizenzen verwaist.

Die häufigsten Einwände — und wie man damit umgeht

Aber unsere Mitarbeitenden sind an das Tool gewöhnt.

Gewohnheit ist kein Geschäftsgrund. Wenn zwei Tools dasselbe tun, ist die Migration zumutbar — besonders wenn sie mit einem vernünftigen Change-Management begleitet wird. Erfahrungsgemäss dauert die Umgewöhnung bei einfachen Collaboration-Tools zwei bis vier Wochen.

Das kostet doch nur CHF 12 pro Monat.

CHF 12 pro Monat mal 20 ähnliche «Kleinigkeiten» sind CHF 2'880 pro Jahr. Und das ist vor dem Multiplikator durch die Mitarbeiterzahl. Kleinstbeträge summieren sich — das ist das Geschäftsmodell von SaaS-Anbietern.

Wir brauchen das vielleicht noch.

«Vielleicht» ist keine Rechtfertigung für laufende Kosten. Was nicht aktiv genutzt wird, wird gekündigt. Falls der Bedarf wieder entsteht, ist ein neues Abonnement innerhalb von Minuten abgeschlossen.

Ein Wort zum Datenschutz — besonders relevant in der Schweiz

Mit dem revidierten Datenschutzgesetz (DSG) und den Anforderungen der DSGVO für Unternehmen mit EU-Kundschaft ist das SaaS-Audit auch eine Datenschutz-Übung. Jeder Dienst, der Personendaten verarbeitet, benötigt einen Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV). Bei amerikanischen Anbietern braucht es zusätzlich geeignete Garantien für die Drittland-Übermittlung (Standardvertragsklauseln).

Viele KMU haben diese Verträge nicht für alle genutzten Tools — oft schlicht, weil niemand einen vollständigen Überblick hatte. Der SaaS-Audit schafft genau diesen Überblick und ist damit auch aus Compliance-Sicht Gold wert.

Was nach dem Audit passiert: Der entscheidende Schritt

Ein einmaliger Audit ist gut. Ein dauerhafter Prozess ist besser. Die drei Massnahmen, die verhindern, dass der Wildwuchs in zwei Jahren wieder auf demselben Niveau ist:

1. Zentrales SaaS-Register führen

Eine einfache Tabelle (Excel, Notion, was auch immer) mit Tool, Kosten, Verantwortlicher, Verlängerungsdatum und Nutzerzahl. Quartalsweise aktualisieren. Zehn Minuten Aufwand pro Monat.

2. Offboarding-Checkliste einführen

Jedes Mal, wenn ein Mitarbeitender das Unternehmen verlässt: Alle Lizenzen sofort deaktivieren. Das klingt trivial — und wird trotzdem in den meisten KMU nicht systematisch gemacht.

3. Freigabeprozess für neue Tools

Keine neue Software ohne kurze Prüfung: Ist die Funktion bereits in einem bestehenden Tool vorhanden? Gibt es einen AVV? Wer ist intern verantwortlich? Ein einfaches Formular mit drei Fragen reicht — es muss kein bürokratisches Monstrum sein.

Fazit: Zwei Tage Invest, jahrelanger Ertrag

Ein SaaS-Audit ist keine sexy IT-Massnahme. Er bringt keine neue Funktionalität, er löst kein strategisches Problem, und er macht in keiner Präsentation vor der Geschäftsleitung Eindruck. Aber er ist eine der wenigen IT-Massnahmen, die mit minimalem Aufwand direkt auf der Kostenlinie wirken — und das Jahr für Jahr.

Für ein KMU mit 50 Mitarbeitenden sind CHF 15'000 bis 20'000 Einsparung pro Jahr kein theoretischer Wert. Er ist erreichbar, in sechs bis acht Wochen realisierbar, und er entsteht nicht durch Verzicht — sondern durch Klarheit.

Der erste Schritt dauert eine Stunde: Exportieren Sie heute die letzten 12 Monate Ihrer Kreditkartenabrechnungen und markieren Sie alle wiederkehrenden Software-Zahlungen. Was Sie sehen werden, wird Sie motivieren, den Rest auch anzugehen.

Dies ist Teil 1 einer fünfteiligen Blog-Reihe über IT-Kosten in Schweizer KMU. Es folgen: ein Auftakt für die Geschäftsführung über den blinden Fleck im KMU-Budget, die fünf KPIs für CFOs, das Run/Change/Transform-Framework — und schliesslich ein schlankes Dashboard, das die ganze Steuerung dauerhaft trägt.
JW
Über den Autor
Jodok Wegmüller
Senior Consultant · TCOYLA

Jodok begleitet Schweizer KMU bei der Analyse und Optimierung ihrer IT-Kosten. Sein Fokus liegt auf pragmatischen Lösungen, die ohne grossen Overhead funktionieren — von der ersten Bestandsaufnahme bis zur dauerhaften Steuerung.

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